Aufmerksamkeit ist die neue Währung

Wusstest du, dass es drei Arten von Musikern gibt? Die, die zählen können, und die die es nicht können!



Habe ich deine Aufmerksamkeit?

Cool, denn so sagen es die mannigfaltigen Highperformer-Coaches im Netz mit den „10 Tipps zum Social-Media Erfolg“ und den „3 Dingen, mit denen ich sofort aufhören muss, wenn ich mehr Follower generieren will“.

Ja, meine Verzweiflung ist in den letzten Jahren wohl so groß geworden, dass ich mir den ein oder anderen Tipp auch mal durchgelesen habe und sogar irgendwo abgespeichert habe in meiner To-Do-Liste, Unterkategorie „How to social-media“.

Doch irgendwas funktioniert da nicht für mich. Es ist dieses Gefühl, dass ich hier etwas tun soll, das so gar nicht mir entspricht, wenn ich in mich reinhöre. Und damit meine ich keine TikTok-Tänze veranstalten, sondern einfach wie normale Menschen etwas freundlich und motiviert in mein Handy reinsagen.

Ich kann den ganzen Coaching-Anweisungen gar nicht mehr folgen, weil meine innere Stimme immer wieder so laut wird:

"Seit wann bin ich eigentlich so schüchtern (geworden)? Früher war das doch anders…oder nicht? Ich glaub mein Selfie-Arm ist zu kurz und überhaupt, warum denke ich soviel über alles nach?“

Ich möchte es mit einer Szene beschreiben, die ich mir zur Veranschaulichung ausgedacht habe:

Die stets motivierte Schafsherde rennt auf der Weide am Hang des Zuckerbergs von einer Seite zur anderen, weil die alle genau wissen, wo das süße Gras wächst. Und das wächst mittlerweile stündlich irgendwo anders.

Ich (auch ein Schaf) hab mir die ganze Weide schon sehr sehr lang ganz genau angeguckt und sehe überall die guten Stellen, stehe aber komisch am Zaunrand rum und mach ab und zu MÄH. Ein paar wenige Touristen, die sich verlaufen haben, streicheln mir den Rücken.

Der Bauer ruft. Alle galoppieren ihm energetisch entgegen. MÄÄÄH! Ich hab schon zuckend angesetzt zu meinem Sprint, endlich dabei sein! Und bleibe doch stehen… Wird mich am Ende doch der Wolf reißen?

© Sam Carter / Unsplash


Ok. Mit diesen Bildern im Kopf hat sich für mich schon seit einiger Zeit eine ganz neue Frage gestellt: Bin ich ein Drinnie? (der vielleicht auch Angst vor Wölfen hat?)

Was für eine Erkenntnis! Ja, ich bin viel mehr introvertiert als ich dachte.

Wahrscheinlich hatte ich das immer kategorisch ausgeschlossen, weil ich ja auch gern auf der Bühne stehe und mit echten Menschen in Kontakt trete, meine Lebensgeschichte in Songs verpacke und die dann Leuten vorsinge. Klingt alles wahnsinnig extrovertiert. Kann aber das Gegenteil sein. Das ist crazy.

Und da ist auch schon der Haken vom Anfang: Bisher habe ich mir immer Tipps von wahnsinnig extrovertierten Menschen eingeholt. Das war ein Fehler.


Podcastempfehlung! Ich liebe die Drinnies ♥︎


Ich bin eine Bewunderin. Und je nachdem wie extrem ich bewundere, fällt es mir oft schmerzvoll schwer meinen eigenen Platz zu finden. Mich selbst zu bewundern.

Ich bin sehr empfindsam. Oder doch empfindlich? Das steht immerhin in meinem Grundschul-Zeugnis.

Und von wem ich am Ende vielleicht bewundert werde, kann ich mir nicht aussuchen.

In eine Bubble will ich eigentlich nicht freiwillig eintauchen, obwohl es da bestimmt schön sein kann. Ich gebe wenig in das System rein, dabei kommt dann im Umkehrschluss nur Müll raus in meinem Feed, der dadurch für mich keinen Mehrwert mehr hat.

Bleiben meine Augen doch wieder ein My zu lang auf einem bestimmten Post, platzt die Timeline voller Themen wie: Social Media für Introverts, Menschen in Gummistiefeln reinigen ASMR-mäßig Teppiche aller Art, starke Frauen in der Putzfeen-Community zeigen die besten Cleaning-Hacks, und oh je… hab ich etwa schon wieder aus Versehen auf ein Katzenvideo geklickt?

Gebe ich dann doch ein wenig von mir und meiner Kunst hinein, werde ich wie man heute sagt „von Algorithmen abgestraft“. What a world!

Vor etwa vier Jahren habe ich eine unveröffentlichte Notiz verfasst, die in etwa besagte:

Ich kreiere keinen Content, ich kreiere Musik.

Ist Kunst = Inhalt?

Inhalt muss man auch aushalten können.

Gott sei Dank gibt es Menschen auf dieser Welt, die eine sogenannte Reichweite haben. So zum Beispiel auch die von mir hochgeschätzte Musikerin KT Tunstall.

In einem anderen Kontext hat sie neulich dem CEO von Spotify widersprochen, der seine Plattform damit bewirbt, dass man „jetzt noch viel leichter noch mehr Content als Musiker erzeugen kann.“

Und KT sagte: „I don’t make content, I make music.“ Danke KT.

You don’t see me in my stories
with a second version of myself.
All these things remain untold
I’m a closed diary on the shelf.

My face in a book, my head in the cloud.
I wonder what it’s all about.
— "Faster than reality" (Songs about Eve pt. 2)"

Abschließend kann ich sagen:

Einerseits:

Für einen Erfolg in Social Media braucht man einen gesunden emotionalen Abstand zu seinen Inhalten, was für mich erstmal bedeutet, dass ich mich auch von meiner Kunst distanzieren müsste. Und deshalb klappt es für mich (noch) nicht. Aber es wird Wege geben, die ich finden werde. Der erste Schritt zum Erfolg ist für mich dieser Blogeintrag.

Andererseits:

Ich werde gern gehört und wahrgenommen, bisher erfolgreicher analog. Das genau ist der Grund warum ich Songs schreibe. Ich möchte dadurch hörbar werden. Ich brauche das: mich in dieser Form mitzuteilen und meinem Gegenüber etwas zu senden, mit dem er oder sie vielleicht genau meine Emotion oder etwas komplett anderes verbindet. Und wenn ich wieder zweifle und sage „Es ist doch alles schon geschrieben“, dann denke ich an die einzig richtige Antwort: aber nicht von mir.

Und:

Ich gönne jeder und jedem den Erfolg in den sozialen Medien und außerhalb. Es gibt für mich keine Eifersucht. Nur Sehnsucht.

Danke fürs Lesen, bis bald!

#Lenya

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